ALPHA QUADRATBAUPLANUNG UND PROJEKTMANAGEMENT
FACHBEITRAG · ÖFFENTLICHE HAND

Warum öffentliche Bauprojekte an der Komplexität scheitern, nicht am Geld. Und was ein Verfahren dagegen leisten kann.

Über Kostenexplosionen bei öffentlichen Bauvorhaben wird meist geredet, als wären sie Pech oder Einzelversagen. Die Forschung und meine eigene Erfahrung zeichnen ein anderes Bild: Der Großteil der Mehrkosten entsteht früh, in der Vorbereitung und der Steuerung, und ist damit beeinflussbar. Dieser Beitrag ordnet die Ursachen und die wirksamen Gegenmittel.

Lazaros AmperidisDipl.-Ing. Architekt (AKNW), Co-Autor des VDZ-Fachbeitrags „Hochkomplex: Bauprojektmanagement im öffentlichen Sektor“ (2021)· LESEZEIT 8 MIN· STAND JULI 2026

Wenn ein öffentliches Bauprojekt teurer wird als geplant, sucht die Öffentlichkeit zuerst nach einem Schuldigen: dem Planer, der sich verrechnet hat, der Firma, die zu teuer war, dem Amt, das zu langsam entschieden hat. Diese Erzählung ist bequem, aber sie führt in die Irre. Ich habe öffentliches Bauen von beiden Seiten des Tisches erlebt, als planender Architekt und in der öffentlichen Bauverwaltung, und 2021 gemeinsam mit Prof. Dr. Silke Schönert einen Fachbeitrag über genau diese Frage veröffentlicht. Der Kern unserer Analyse damals wie heute: Öffentliche Bauprojekte scheitern selten an einem Einzelfehler. Sie scheitern an struktureller Komplexität, die niemand früh genug ordnet.

Bauen ist von Natur aus störanfällig

Ein Bauwerk ist ein Unikat, das über viele Monate von wechselnden Beteiligten hergestellt wird. Konzeption, Planung und Ausführung liegen bei verschiedenen Akteuren und in verschiedenen Phasen, jede Übergabe zwischen ihnen ist eine Schnittstelle, an der Information verloren gehen kann. Anders als ein Serienprodukt existiert das Bauwerk beim Vertragsschluss nur als Plan; Änderungen während der Ausführung sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Erschwerend kommt hinzu, dass in Deutschland ein erheblicher Teil der Projekte in die Ausführung geht, bevor die Planung vollständig ist. Wer zu früh baut, korrigiert später, und Korrekturen am Bau sind um ein Vielfaches teurer als am Plan.

Regelwerke geben Halt und kosten Beweglichkeit

HOAI, VOB und das Vergaberecht schaffen Verlässlichkeit und Gleichbehandlung, das ist ihr Sinn. Zugleich binden sie das Verfahren an Formen und Fristen, die im laufenden Projekt wenig Spielraum lassen. Das ist kein Argument gegen die Regeln, im Gegenteil. Es ist ein Argument dafür, die Freiheitsgrade, die man hat, ganz nach vorne zu verlegen: in die Phase, in der noch nichts vergeben, nichts gebaut und nichts unumkehrbar ist. Nach der Vergabe entscheidet nicht mehr die gute Idee, sondern das saubere Verfahren.

Im öffentlichen Sektor potenziert sich das

Die öffentliche Hand baut unter Bedingungen, die private Bauherren so nicht kennen. Die Verwaltung ist hierarchisch aufgebaut, ein Bauprojekt aber verlangt Abstimmung quer durch Ämter, deren Ziele nicht deckungsgleich sind: Die Projektleitung will termingerecht fertig werden, die Vergabestelle rechtssicher vergeben, das Rechtsamt Risiken vermeiden, die Rechnungsprüfung jeden Euro belegt sehen. Jeder dieser Blickwinkel ist berechtigt, doch zusammen erzeugen sie lange Wege und Zielkonflikte. Kommt ein Nachtrag, löst er nicht nur eine Kostenfrage aus, sondern einen Genehmigungsvorgang, der im schlimmsten Fall die Baustelle stoppt. Dazu Personalknappheit, Materialengpässe und ein politischer Zeitdruck, der Entscheidungen erzwingt, bevor sie reif sind.

Der teuerste Fehler passiert vor dem ersten Spatenstich

Eine viel zitierte Untersuchung der Hertie School hat 170 große Infrastrukturprojekte in Deutschland über mehrere Jahrzehnte ausgewertet und Mehrkosten von rund 59 Milliarden Euro dokumentiert. Der entscheidende Befund ist nicht die Summe, sondern ihre Herkunft: Ein großer Teil dieser Kostensteigerungen wäre vermeidbar gewesen, weil die schweren Fehler in der frühen Planungsphase und in der Projektsteuerung gemacht wurden, nicht auf der Baustelle. Das deckt sich mit allem, was ich in der Praxis gesehen habe. Wenn vor der Freigabe nicht nur über Kosten und Termine gesprochen wird, sondern auch über Entscheidungswege, Eskalationsstufen, Schnittstellen, die Logik für Nachträge und die realistisch verfügbaren Kapazitäten, dann ist der größte Teil der Arbeit an der Risikovermeidung schon getan.

Was wirklich hilft: vier Hebel, keine Wunder

Einen Generalschlüssel gibt es nicht, aber es gibt bewährte Ansätze, die Komplexität beherrschbar machen. Erstens ein systematisches Multiprojektmanagement: Vorhaben werden an den Zielen der Organisation ausgerichtet, priorisiert und mit realistischen Ressourcen hinterlegt, statt alles gleichzeitig anzuschieben. Zweitens ein konsequentes Schnittstellenmanagement, das Abhängigkeiten und Folgewirkungen von Änderungen sichtbar macht, bevor sie eskalieren. Drittens ein echtes Risikomanagement mit einer Lessons-Learned-Kultur, die vom Suchen des Schuldigen zum Lernen aus Erfahrung wechselt, weil Probleme nur dann früh angesprochen werden, wenn das Ansprechen nicht bestraft wird. Und viertens ein Wissensmanagement, das Entscheidungsgründe und Genehmigungswege dokumentiert, damit das nächste Projekt nicht bei null anfängt.

Das Handwerk der Entscheidungsvorbereitung

Für Kommunen wird das an einer Stelle sehr konkret: bei der Vorlage, die durch Ausschuss, Rat und Rechnungsprüfung tragen muss. Eine belastbare Kostenermittlung nach DIN 276, eine nachvollziehbare Varianten- und Wirtschaftlichkeitsbetrachtung, ein förderfähiger Nachweis und eine Sprache, die politische Gremien und Prüfinstanzen gleichermaßen verstehen: Das ist keine Formalie, sondern der Unterschied zwischen einem Projekt, das beschlossen und sauber abgerechnet wird, und einem, das in der Nachprüfung hängen bleibt. Genau hier wird an der falschen Stelle gespart, wenn das Geld knapp ist. An Planung, Prüfung und Dokumentation zu kürzen, ist der sicherste Weg, später ein Vielfaches auszugeben.

Mieten statt bauen ist eine Option, keine Ideologie

Wenn der Investitionshaushalt eng ist, muss nicht jede Kommune selbst investieren. Modelle, bei denen ein Investor vorfinanziert und die öffentliche Hand langfristig anmietet oder über ein Erwerbermodell später übernimmt, verlagern die Last von der einmaligen Investition auf eine planbare, budgetierbare Rate. Ob das im Einzelfall die wirtschaftlich und vergaberechtlich richtige Lösung ist, hängt von der konkreten Konstellation ab und gehört sauber gerechnet, nicht geglaubt. Der Wert liegt darin, die Option überhaupt geprüft und entscheidungsreif auf den Tisch gelegt zu haben.

Mein Fazit nach Jahren mit öffentlichen Bauvorhaben ist unbequem, aber befreiend: Die meisten teuren Überraschungen sind keine Überraschungen. Sie sind das absehbare Ergebnis einer Vorbereitung, die zu kurz war. Genau dort setzen wir bei Alpha Quadrat an. Wir liefern der öffentlichen Hand die Entscheidungsgrundlagen, die vor der Vergabe klären, was klärbar ist: nüchtern, prüffest und in der Form, die durch Ausschuss, Rat und Rechnungsprüfung trägt. Die berufsrechtlich geschützten Leistungen verantwortet dabei der eingetragene Architekt persönlich.

QUELLEN

  1. [1]Schönert, Silke; Amperidis, Lazaros: Hochkomplex: Bauprojektmanagement im öffentlichen Sektor. Herausforderungen und Lösungsansätze. VDZ – Verwaltung der Zukunft, 28.09.2021.
  2. [2]Hertie School / Genia Kostka u. a.: Studie zu Großprojekten in Deutschland (170 Infrastrukturvorhaben, dokumentierte Mehrkosten von rund 59 Mrd. Euro; ein Großteil der Kostensteigerungen auf Fehler in Vorplanung und Projektsteuerung zurückgeführt).
  3. [3]DIN 276 – Kosten im Bauwesen (Grundlage der Kostenermittlung und -gliederung); HOAI und VOB als maßgebliche Regelwerke für Planung und Bauausführung.

FACHLICH VERANTWORTET

Lazaros Amperidis, Dipl.-Ing. Architekt (AKNW)

Mitglied der Architektenkammer NRW (Mitgliedsnr. 32316), bauvorlageberechtigt, Wuppertal. Die Anerkennung als staatlich anerkannter Sachverständiger für Schäden an Gebäuden ist in Vorbereitung (angestrebt voraussichtlich ab November 2026). Er verantwortet die fachlichen Inhalte und jede Gutachtenfreigabe persönlich.

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